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und geht…

Habermas: Mechanismus des kommunikativen Handelns

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von Rainer :

Im Zusammenhang mit unserem Seminar über „kommunikatives Handeln“ von Jürgen Habermas, das zur Zeit (Sommersemester 2017)
bei der „academia publica“ stattfindet, möchte ich hier ein paar gesammelte Informationen wiedergeben.

Jürgen Habermas, Nachmetaphysisches Denken, Suhrkamp
S.70 unten: „Das kommunikative Handeln unterscheidet sich also vom strategischen…“ – das strategische orientiert sich
am Zweck, am Erfolg und ist geplant, während das kommunikative Handeln an Verständigungsleistung, Rationalität, an einem
kommunikativ erzielten Einverständnis anbindet.

Der Mechanismus des kommunikativen Handelns umfasst folgende Punkte:

1. Einigkeit der Sprechteilnehmer über das Thema und seine Gültigkeiten
          Konsenz geht vor Dissenz

2. für die Theorie gilt mit Sprechhandlungen werden kritisierbare Geltungsansprüche  erhoben -> Anerkennung durch andere!

3. Der Sprecher übernimmt die Gewähr für seinen Geltungsanspruch (seine Gründe sind „wahr“)

4. Rationalität ist gesichert durch gesicherte Gründe.

5. Durch diese Gründe ergibt sich eine bindende Kraft, die der Sprecher mit glaubhafter Gewähr darstellt. Diese Kraft hat auch Folgen für die Handlung.

6. Beispiele: Spr. hat eine Intention – lässt er sie erkennen?       Sprachhandlungen interpretieren sich selbst! ?

7. Wenn der Hörer die Intention von Spr. kennt – dann Hypothese:

a) Intention ist offenkundig
b) Sprecher weichen von Standardsituationen ab

8. Intention und Interpretation (Bedeutung und Gültigkeit) müssten standartisiert werden :

normativer Anspruch
subjektive Wahrhaftigkeit
propositionale Wahrheit

Die Einführung einer, der Lebenswelt müsste den Dissenz eher minimieren (mit Dissenz gibt es keine soziale Ordnung?). Hier entsteht ein Vorverständnis für Konsens!

S. 85 mitte
„…Überraschendes und Vertrautes. Das Vorverständigtsein in einer tiefgelegenen Schicht von Selbstverständlichkeiten, Gewissheiten, Fraglosigkeiten könnte erklären, wie jedes überall lauernde Dissensrisiko der sprachlichen Verständigung in der Alltagspraxis aufgefangen, reguliert und eingedämmt wird.“

Lebenswelt trägt sowohl zur Verständigung, als auch zu Differenz und zur Individualisierung bei!
[EGO unterscheidet von AlterEGO]

„Lebenswelt“

Habermas

Kommunikationstheoretische Deutung der Lebenswelt

Jürgen Habermas kritisiert an der phänomenologischen Auffassung der Lebenswelt, dass diese sich auf ein „egologisches Bewußtsein“[11] beziehe und damit das subjektphilosophische Paradigma verlängere. Habermas will mit einer kommunikationstheoretischen Deutung des Lebensweltbegriffs dessen eigentlichen Sinn zum Vorschein bringen: den Paradigmenwechsel von der monologischen Subjektivität zur dialogischen Intersubjektivität. Er reformuliert das Konzept der Lebenswelt wie folgt:

Indem sich Sprecher und Hörer frontal miteinander über etwas in einer Welt verständigen, bewegen sie sich innerhalb des Horizonts ihrer gemeinsamen Lebenswelt; die bleibt den Beteiligten als ein intuitiv gewußter, unproblematischer und unzerlegbarer holistischer Hintergrund im Rücken. […] Die Lebenswelt kann nur a tergo eingesehen werden. Aus der frontalen Perspektive der verständigungsorientiert handelnden Subjekte selber muß sich die immer nur mitgegebene Lebenswelt der Thematisierung entziehen. Als Totalität, die die Identitäten und lebensgeschichtlichen Entwürfe von Gruppen und Individuen ermöglicht, ist sie nur präreflexiv gegenwärtig. Aus der Perspektive der Beteiligten läßt sich zwar das praktisch in Anspruch genommene, in Äußerungen sedimentierte Regelwissen rekonstruieren, nicht aber der zurückweichende Kontext und die im Rücken bleibenden Ressourcen der Lebenswelt im ganzen.[12]

Habermas unterscheidet drei Aspekte der Lebenswelt, die je nach der Handlungs- oder der Sprechsituation jeweils als Kultur, als Gesellschaft und als Persönlichkeit erscheinen.[13] Diese drei Aspekte der Lebenswelt definiert Habermas wie folgt:

Kultur nenne ich den Wissensvorrat, aus dem sich die Kommunikationsteilnehmer, indem sie sich über etwas in einer Welt verständigen, mit Interpretationen versorgen. Gesellschaft nenne ich die legitimen Ordnungen, über die die Kommunikationsteilnehmer ihre Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen regeln und damit Solidarität sichern. Unter Persönlichkeit verstehe ich die Kompetenzen, die ein Subjekt sprach- und handlungsfähig machen, also instandsetzen, an Verständigungsprozessen teilzunehmen und dabei die eigene Identität zu behaupten.[14]

Die Lebenswelt fungiert für die Kommunikationsteilnehmer als „der transzendentale Ort, an dem sich Sprecher und Hörer begegnen; wo sie reziprok den Anspruch erheben können, daß ihre Äußerungen mit der Welt […] zusammenpassen; und wo sie diese Geltungsansprüche kritisieren und bestätigen, ihren Dissens austragen und Einverständnis erzielen können“.[15]

Lebenswelt und kommunikatives Handeln

Lebenswelt und kommunikatives Handeln stehen für Habermas in einer dialektischen Beziehung zueinander:

Indem sich die Interaktionsteilnehmer miteinander über ihre Situation verständigen, stehen sie in einer kulturellen Überlieferung, die sie gleichzeitig benützen und erneuern; indem die Interaktionsteilnehmer ihre Handlungen über die intersubjektive Anerkennung kritisierbarer Geltungsansprüche koordinieren, stützen sie sich auf Zugehörigkeiten zu sozialen Gruppen und bekräftigen gleichzeitig deren Integration; indem die Heranwachsenden an Interaktionen mit kompetent handelnden Bezugspersonen teilnehmen, internalisieren sie die Wertorientierungen ihrer sozialen Gruppe und erwerben generalisierte Handlungsfähigkeiten.[16]

Kommunikatives Handeln dient somit der Überlieferung kulturellen Wissens und dessen Erneuerung im Bereich der Kultur, der sozialen Integration und der Herstellung von Solidarität im Bereich der Gesellschaft und der Ausbildung von personalen Identitäten im Bereich der Person. Die „Reproduktion der Lebenswelt“ besteht in einer dialektischen Einheit von Kontinuität und Bruch, d. h. in „einer Traditionsfortsetzung und -erneuerung, die sich zwischen den Extremen der bloßen Fortschreibung von, und eines Bruches mit Traditionen bewegt.“[17]

 

  • 11 Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, Band 2, S. 196.
  • 12 Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne. S. 348f.
  • 13 Habermas:Theorie des kommunikativen Handelns, Band 2, S. 203.
  • 14 Habermas:Theorie des kommunikativen Handelns, Band 2, S. 209.
  • 15 Habermas:Theorie des kommunikativen Handelns, Band 2, S. 192.
  • 16 Habermas:Theorie des kommunikativen Handelns, Band 2, S. 208.
  • 17 Habermas:Theorie des kommunikativen Handelns, Band 2, S. 210.

 

Quelle: Lebenswelt – Wikipedia

Martin Heideggers Ontologie in Sein und Zeit [1927]

von Andrea

zur Erinnerung an das Sommersemester und Vorbereitung auf Wintersemester

  1. Fundamentalontologie

Heidegger setzt sich von den Ontologien der traditionellen Philosophen ab und gibt der Ontologie eine neue Wendung. Ontologie ist nach Heidegger in Anthropologie zu fundieren.

Damit steht er einerseits in der Tradition einer Philosophie der Moderne, in der es üblich ist, alles vom Menschen aus zu denken. Neu ist aber andererseits, dass er ausdrücklich sagt, die Fundamentalanalytik ist die Analytik das Daseins, also des menschlichen Seins.

Die Ontologien sind in der ontischen Struktur des Daseins selbst fundiert. Daher muß die Fundamentalontologie, aus der alle anderen erst entspringen können, in der existenzialen Analytik des Daseins gesucht werden.  Die fundamentale Form von Ontologie ist die „Menschenseinsverfassunganalytik“, also die Ontologie des seienden Menschen. Erst daraus sind die anderen Ontologien zu entwickeln.

Heidegger setzt sich dadurch von Kant ab, dass nach seiner Ansicht die Analyse des Daseins nicht erst eine Analyse unseres Verstandes und unserer erkenntnistheoretischen Grundbegriffe nötig ist. Er möchte vielmehr sich viel grundlegender, viel elementarer dem Daseins nähern, indem er nicht auf den Menschen blickt, wie er in erkenntnistheoretischen Seminaren erscheint, sondern wie er „geht und steht und handelt“.

Zitate:

„Die  ausdrückliche  und  durchsichtige  Fragestellung  nach  dem  Sinn  von Sein  verlangt  eine vorgängige angemessene Explikation eines Seienden (Dasein) hinsichtlich seines Seins.“ (Sein und Zeit [SuZ], Tübingen: Niemeyer 19. Aufl. , 2006, S 7, Abs. 2)

„Die  Ontologien,  die  Seiendes  von  nicht  daseinsmäßigem  Seinscharakter  zum  Thema  haben, sind   […]   in   der   ontischen   Struktur   des   Daseins   selbst   fundiert   und   motiviert,   die   die Bestimmtheit eines vorontologischen Seinsverständnisses in sich begreift.Daher muss die Fundamentalontologie,  aus der  alle  andern  erst  entspringen  können,  in der existenzialen Analytik des Daseinsgesucht werden.“(ebd., S.13, Abs.4)

  1. Wie gibt es Seiendes ?

Zuhandenes- Vorhandenes

„Vorhandenheit“ ist die Seinsweise, wie man üblicherweise das Seiende thematisiert.(SuZ, S. 13, 15, 16): was ist etwas an sich selbst betrachtet, kontextfrei oder in diesem oder jenen Kontext betrachtet. Es ist etwas zunächst einmal an ihm selbst.

Aber Heidegger sagt, es ist nicht so, dass wir zunächst Dinge im Sinne von vorhandenen objektiven Entitäten kennen und diese dann in einen Verständnis- bzw. Handlungzusammenhang bringen, sondern der menschliche Verständnis-und Handlungszusammenhang ist das erste.

Dinge, Gegenstände bzw. Zeug als solches gibt es primär im Horizont menschlichen „In-der-Welt-Seins“, menschlichen Handelns, menschlichen Vertrautseins.Das Seiende ist zunächst das Gebrauchte, Hergestellte und dgl.

Diese Seinsweise nennt Heidegger Zuhandenheit“. Das ist die ursprüngliche Verfassung für Menschen. Er sieht es gewissermaßen „handwerklich“: die Dinge sind zur Hand. „Die nächste Art des Umganges ist […] das hantierende, gebrauchende Besorgen […].“

„Vorhandenheit“ entsteht – nach Heidegger- erst durch Störung ( Nichtfunktionieren) in der ursprünglichen Verfassung der Zuhandenheit. Erst dann beginnt das Betrachten des Dings als solches. Es beginnt das Betrachten, die Theorie, das „Begaffen„.

Die anfängliche Verfassung ist also die, dass wir mit den Dingen im Zusammenhang sind. (Besorgungszusammenhang–“Zeugganzes“). Über Störungen entsteht erst Erkenntnis und es beginnt die Vorhandenheit, die anderen Denkern als das Primäre erschien, für Heidegger aber das Sekundäre ist..

(nach Wolfgang Welsch, aus: „Ontologie“, 13. Vorlesung Wintersemester 2010/2011 Uni Jena, Hörbuch von „Auditorium Netzwerk“)

Heidegger und die „Schwarzen Hefte“ (Video)

Die «Sternstunde Philosophie» pflegt den vertieften und kritischen Ideenaustausch und geht den brennenden Fragen unserer Zeit auf den Grund.

Die «Sternstunde Philosophie» schlägt den grossen Bogen von der gesellschaftspolitischen Aktualität zu den Grundfragen der Philosophie: Wer ist wofür verantwortlich, worin besteht die menschliche Freiheit, was bestimmt unseren Lebenssinn? Zu Gast sind Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft – Stimmen, die zum Denken anregen und unser Zeitgeschehen reflektieren und einordnen.

Die Quelle des folgenden Videos ist Philosophie und Nationalsozialismus – eine unheilige Allianz?

Philosophie und Nationalsozialismus – eine unheilige Allianz?

Der Streit um Heideggers «Schwarze Hefte» hat gezeigt: Die Frage, ob Philosophen geistige Wegbereiter des Naziregimes waren, ist noch nicht vom Tisch. 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs beleuchtet «Sternstunde Philosophie» das wohl düsterste Kapitel der deutschen Philosophiegeschichte.

SFR Kultur Übersichtsseite

Vom Daß der Welt – Wittgenstein und Heidegger zu den Formen menschlichen Seins

Zuerst erschienen in:   EIGENSINN – die philosophiestudentische Zeitung, Ausgabe #4 vom März 2005

von Tobias Prüwer
Vom Daß der Welt – Wittgenstein und Heidegger zu den Formen menschlichen Seins

Ich kann mir wohl denken, was Heidegger mit Sein und Angst meint. Der Mensch hat den Trieb gegen die Grenzen der Sprache anzurennen. Denken Sie z. B. an das Erstaunen, daß etwas existiert. Das Erstaunen kann nicht in Form einer Frage ausgedrückt werden, und es gibt auch keine Antwort. Alles was wir sagen mögen, kann apriori nur Unsinn sein. (Wittgenstein: Zu Heidegger; 68)

Seit Platon und Aristoteles gilt als Quelle der Philosophie das Staunen darüber, daß überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts, über „das Wunder aller Wunder: daß Seiendes ist.“ (WM 47) Schien dieses Wundernehmen aus dem Gesichtsfeld der traditionellen Philosophie gerückt zu sein, so gehen Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein zurück und nehmen abermals beim Staunen Anfang. Einsehend, daß sinnvolles Fragen nach dem Daß-Sein der Welt nicht möglich und die Seinsfundierung abgänglich ist, verbleiben beide im Beschreiben der conditio humana, den Formen unseres Seins.

Die Frage um Früh- und Spätwerk vermeidend, werden grundlegende Züge als sich gleich bleibend unterstellt, um zwei wirkungsmächtige Philosophen des Zwanzigsten Jahrhunderts in der Gemeinsamkeit ihres Denkens zu skizzieren. Die Parallelen im Denken beider sind sicher nicht augenscheinlich. Wurde Wittgenstein besonders durch die (anglophone) analytische Philosophie vereinnahmt, die in Heidegger ärgstes Gegenbild sah, so war letzterer insbesondere für Existenzialismus und Hermeneutik impulsgebend. Ist Heideggers Fundamentalontologie (später Seinsgeschichte) ein systematischer Entwurf, so übt sich Wittgenstein durch aphoristisch anmutende Gedankenspiele in Sprachkritik. Die Ähnlichkeit beider Positionen zeigt sich in der doppelten kritische Stoßrichtung beider Philosophen gegen idealistische Metaphysik einerseits und psychologisierenden Materialismus auf der anderen Seite. Wie sich noch zeigen wird, werden diese beiden Ansätze dem Vorwurf der Verdinglichung ausgesetzt. Weder Heidegger noch Wittgenstein versuchen sich in der Konstruktion. Beide verbleiben in der Deskription, in der methodischen Absage an Versuche der philosophischen Erklärung, deren Möglichkeit nur Chimäre ist. Der deskriptive Ansatz weist die Beziehung zur Transzendentalphilosophie auf; dieser beschreibt Bedingungen der Möglichkeit von Phänomenen existentieller, jener von sprachlicher Natur. Heidegger wendet die Frage nach dem Sinn von Sein in das Fragen nach den Möglichkeitsbedingungen eines Wesens, das sich jene stellt. Indem die Frage auf den Fragenden zurückgeworfen wird, beschreibt er die Vorraussetzungen täglichen Handelns und Verstehens, der Möglichkeit eines Verhaltens zu sich und der Rede darüber. Ebenso führen die Betrachtungen Wittgensteins in die alltägliche Lebenspraxis. Das Terrain der Idealsprachen verlassend, verortet er seine Analyse in den situativen Sprachgebrauch, dorthin wo sich das Phänomen Sprache zeigt und stattfindet. So nähern sich beide Philosophen von verschiedenen Seiten der philosophisch-anthropologischen Frage nach der conditio humana, nach den transzendentalen Formen menschlichen Seins. Was für Heidegger die Existentiale sind, bezeichnet Wittgenstein als Lebensformen. Die Probleme der traditionellen Philosophie hoben an, weil die Frage nach menschlicher Seinsweise und Sprachpraxis gar nicht oder schief gestellt und damit die Antwort verstellt worden ist. Diese Antwort aber liegt offen vor uns. Für Heidegger wohnt uns ein vorontologisches Seinsverständnis inne, wir verstehen immer schon, was Sein bedeutet, während wir es für Wittgenstein immer schon verstehen, an Sprachspielen teilzunehmen. Die alltäglichen Phänomene sind uns, gerade weil sie alltäglich und immer schon da sind, verborgen. (SZ 36 & PU 129) So wird das ontisch Allbekannte ontologisch als Fremdes gesehen. Wittgenstein und Heidegger beschreiben jeder auf seine Weise einen Pfad, der zum beschreibenden Freilegen der Möglichkeitsbedingungen von Bedeutung führt, dem Aufzeigen der Grenzen menschlichen Seins. Ist menschliches Dasein Selbst- und Weltbezug, so gehören zur Form unseres Seins die gleichursprünglichen Phänomene Welt und sprachliche Verfaßtheit.

Welt ist nach diesem Verständnis kein Gegenstand der Erfahrung, sondern transzendentale Lebensform. Wir haben immer schon eine Welt, sind immer schon in der Welt. Welt ist kein Container, kein materieller Raum, in dem wir uns irgendwie aufhalten. Dieser Gefangenschaft im cartesianischen Bild der Subjekt-Objekt-Unterscheidung gilt es zu entkommen, denn indem auch die cogitans als Substanz vorgestellt wurde, ward der Blick verstellt. Dem Körper stand nun die Entität des Geistes inkommensurabel gegenüber. Auf diese dualistische Verdopplung folgte die Reduktion eines materialistischen Monismus. Der Mensch wurde zur (biologischen) Maschine. Beiden Vorstellungen wohnt die Vergegenständlichung menschlichen Seins, die Verdinglichung unseres Selbstverständnisses, inne. Deshalb üben Wittgenstein und Heidegger Kritik an diesen Modellen der Beziehung zwischen Mensch und Natur und verweisen auf den kategorialen Unterschied zwischen der Rede vom Menschen und gegenständlichen Prädikationen. Sie gehen hinter diese Vorstellung zurück, indem sie die Umkehr des traditionellen Vorrangs des Unbeteiligten vollziehen. Denn Menschen sind immer schon in der Welt, in Geschehnissen und Lagen, involviert, beschäftigt und eingebunden in den praktischen Lebensvollzug. Das Phänomen der Welt ist Möglichkeitsbedingung dieser „Situationalität“ (Rentsch; 14). Daher muß Welt holistisch verstanden werden. Sie ist ein Ganzes, nicht zusammengesetzt aus Einzelfakten, denn sie ist der Verstehenshorizont vor dem Einzelaspekte erst verstehbar sind. Die Welt wird uns nicht vermittelt, sie ist ein Konstitutivum für unser Dasein; wir sind unvermittelt da. Der Mensch ist immer schon eingebettet in ein Bedeutungsganzes, in ein Weltbild und Bezugssystem (ÜG §83, 93), einen Verweisungszusammenhang (SZ 82).

Gleichursprünglich zum „Verstehensmedium“ (Stegmüller; 148) Welt ist die Sprachlichkeit. Denn Menschsein findet Vollzug in Lebenswelt und Sprachwelt, und unser Selbstverhältnis ist sprachlich verfaßt genauso wie sich der Sinn von Welt in der Sprache artikuliert. So konstituieren Welt und Sprache die Grenzen unseres Verstehens. Ein Hintergehen beider Phänomene ist uns unmöglich, sind sie immer schon Vorraussetzung jeglichen Verstehens. Nur scheinbar ist der Rückzug aus der Welt möglich. Von alltäglicher Praxis distanziert ist die theoretische Perspektive einnehmbar. Doch ist auch diese nicht frei von Situationalität. So ist es nur scheinbare Möglichkeit, wie Descartes den Wachsball zwischen den Fingern zu rollen und in der Draufschau die Welt nach Subjekten und Objekten, Innen und Außen, zu sezieren. Dieser Unterscheidung wird der Vorrang gegeben, weil übersehen wird, daß sie nur Derivat eines ursprünglicheren Phänomens ist. Denn der Zweifel an der Existenz einer Außenwelt setzt Welt schon voraus. Unsere vorgängige Erschlossenheit oder Lebensform, das Daß wir immer schon in der Welt sind und darum verstehen, ist Voraussetzung für alles Fragen nach dem Menschen, auch nach dem Verhältnis von Mensch und Natur. Dahinter kann nicht zurückgegangen werden und darum muß auch ein naturalistischer Reduktionismus die Situationalität immer mitbedenken, welche er nicht in eigene Termini fassen kann. Wir sind in der Welt und darum denken und verstehen wir. Sonach greifen jene Bedeutungstheorien zu kurz, welche auf Grundlage der Subjekt-Objekt-Differenz die mysteriösen sinnstiftenden Vorgänge zwischen mentalen Zuständen und materiellen Gegenständen erklären. Wittgenstein und Heidegger weisen dies Bild mentaler Repräsentation der Wirklichkeit zurück, denn Sinn läßt sich nicht über Objekte stülpen. Zu Tatsachen Bedeutung zu addieren, konstituiert keinen, macht keinen Sinn. Es bedarf immer schon eines Bewandtniskontextes, vor dessen Hintergrund es erst möglich ist Urteile zu fällen. Dieser muß bereits verstanden sein, ehe etwas als etwas erfaßt werden kann. „Alle Auslegung, die Verständnis beistellen soll, muß schon das Auszulegende verstanden haben.“ (SZ 152) Um an Heidegger anzuknüpfen: Eine Kombination aus Holz und Eisen trägt seine Bedeutung als Hammer nicht in sich, sondern erlangt diese im Zusammenhang mit Nagel, Brett und Zweck des Heimwerkelns. Und auch Holz und Eisen bekommen erst Bedeutung vor dem Hintergrund der Materialkunde. Ist die Frage nach dem Daß der Welt nicht sinnvoll, so trifft dies gleichermaßen zu für den Zweifel an der Existenz anderer Geister. Wie die Skeptikerin an der externen Welt die eigene Situationalität vergißt, so ersteigt solch solipsistische Skepsis vor dem sinnkonstitutiven Hintergrund sprachlicher Verfaßtheit und zieht dadurch die eigenen Fundamente in Zweifel. Sprache ist ein soziales Phänomen, menschliches Sein ist Mitsein (Heidegger), eine Privatsprache nach Wittgenstein unmöglich. Menschsein findet sonach statt in einer Welt, die sprachlich verfaßtes Bezugssystem ist und durch gemeinsame Praxen erworben wird. Ist (Welt)-Verständnis kontextuell, dann müssen kulturelle Organisation und Sinngebung einer Gesellschaft Basis und Verständnishorizont für die Frage nach dem Menschen sein. Aus der Mitte täglicher Praxis heraus liegt der gelingende Ansatz in der Beschreibung jener Bedingungen, welche die Möglichkeit menschlicher Praxen eröffnen und beschließen. Sprachspiele sind an Lebensformen gebunden (Wittgenstein), Seinsweisen an Existentiale (Heidegger). Weil sie ihnen zugrunde liegen, sind diese Formen des menschlichen Lebens unhintergehbar. Sie sind Möglichkeitsbedingungen unseres Seins ohne selbst fundamentiert werden zu können. Eine Letztbegründung, ein Tieferes hinter dem Leben, gibt es nicht. „Es gibt kein Draußen; draußen fehlt die Lebensluft.“ (PU 103) Wir kommen aus den Grenzen von Leben und Sprache nicht heraus, wir handeln und fällen Unterscheidungen vor dem Hintergrund eines Gesichtskreises, der als Ganzes nicht zu rechtfertigen oder „gut begründet“ ist. Ein jeglicher Begründungsdrang stößt irgendwann an sein Ende, aber dieses “ist nicht die unbegründete Voraussetzung, sondern die unbegründete Handlungsweise.“ (ÜG § 110) Eine transzendente Sicherheit gibt es nicht. Dieser Unverfügbarkeit von Sinn des Daß sind wir ausgesetzt, menschliches Sein ist grundlos und abgründig. Der Mensch hat, um es mit Stirner zu sagen, sein’ Sach’ auf Nichts gestellt.

Menschliches Leben ist kontingent, endlich, kontextualisiert. Dasein vollzieht sich in einer Welt intersubjektiver Bedeutungen und Sprache ist Trägerin dieser. Die Hervorhebung der sozialen Kategorie durch Wittgenstein und Heidegger trägt diesem Rechnung. Das darf allerdings nicht gedeutet werden als empirischer Pragmatismus oder die Reduktion philosophischen Fragens auf die Soziologie. Denn die Rede führt ausschließlich über die Möglichkeitsbedingungen menschlichen Seins, deren ontischen (tatsächlichen) Manifestationen sich die Einzelwissenschaften widmen. Sogleich zeigt das Apriori der Situationalität einen wissenschaftskritischen Zug. Entgegen der selbstproklamierten Distanz ist auch die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise eingebettet in praktische Lebensbezüge und ist somit nur ein Zugang und nicht der privilegierte zur Welt; lebensleitender Status kommt ihr nicht zu. Die eindimensionale Erzählung vom Menschen kann zugunsten eines Perspektivismus aufgeben werden, ohne dem Vorwurf des Relativismus zu erliegen. Ferner muß der Grundlosigkeit des Daseins keine Verzweiflung folgen, denn die Unfundiertheit läßt sich auch als das Offenstehen für den Selbstentwurf lesen. Ist Philosophie die Infragestellung des bislang Selbstverständlichen, so wäre es für sie an der Zeit sein, den Drang nach Letztbegründung zu hintergehen und zu erkennen, daß sie wie jegliche Praktiken der Lebenspraxis erwächst. So wird Denken zur Therapie gegen das Verstelltsein unseres Verständnishorizonts durch irrtümliche Bilder objektivierter Rede. Unsere Einbettung in das Gewebe von Sprache, Welt und Sein rückt näher ins Gesichtsfeld und das Staunen vor der Welt ließe sich erneut affirmieren. Denn: „Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern daß sie ist.“ (TLP 6.44)

Literatur

Apel, Karl-Otto: Transformation der Philosophie 1 – Sprachanalytik, Semiotik, Hermeneutik; Frankfurt / Main 1973. ‘Wittgenstein and Heidegger’; in: Christopher Macann (hrg.): Martin Heidegger – Critical Assessments; Vol. III; London & New York 1992; S. 341-374.

Dreyfus, Hubert L.: Being-in-the-world; Cambridge / Massachusetts & London 61995.

Guignon, Charles:‘Philosophy after Wittgenstein and Heidegger’; in: Philosophy and Phenomenological Research; Vol. 1; # 4; June 1990.

Heidegger, Martin: Sein und Zeit; Tübingen 182001. [SZ] Was ist Metaphysik; Frankfurt 111975. [WM]

Rentsch, Thomas: Wittgenstein und Heidegger – Existential- und Sprachanalysen zu den Grundlagen Philosophischer Anthropologie; Stuttgart 1985.

Stegmüller, Wolfgang: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie; Stuttgart 41968.

Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosopicus; in: Schriften 1; Frankfurt / Main 1969. [TLP] Philosophische Untersuchungen; in: Schriften 1; Frankfurt / Main 1969. [PU] ‚Zu Heidegger’; in: Friedrich Waismann: Wittgenstein und der Wiener Kreis; Frankfurt 1967; S. 68f. Über Gewißheit; Frankfurt / Main 1971. [ÜG]

Karl Marx zum 198. Geburtstag

Lieber Karl Marx, zu Ihrem 198. Geburtstag alles Gute von aporia.site!
(geb. am 5.Mai 1818)

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Da wir keine so guten Marxisten sind, haben wir ein paar Zeilen mehr für die Zusammenfassung Ihrer Lehre benötigt:

Der Marxismus reduziert mit dem historischen Materialismus die gesamte Geschichte von Gesellschaften auf deren ökonomischen Verhältnisse, die sich stets in Klassengegensätzen von Unterdrückern und Unterdrückten zeigen. Dieser Gegensatz ist die Triebkraft der Geschichte, die zu immer neuen, höheren, Gesellschaftsformen führt (Sklavenhaltergesellschaft → Feudalismus → bürgerlicher Kapitalismus usw.). Nach jeder Revolution folgt die Evolution (technische Weiterentwicklung) der Produktivkräfte. Dadurch erhöht sich nach der Etablierung einer neuen Gesellschaftsordnung der Widerspruch zwischen Besitzverhältnissen und Produktivkräften, bis sich dieser sich wieder in einer Revolution entlädt und diese vorübergehende Auflösung des Widerspruchs die nächsthöhere Entwicklungsstufe der Gesellschaft einläutet.

Am Ende dieser Entwicklung steht die klassenlose Gesellschaft des Kommunismus, in der alle Widersprüche endgültig aufgehoben sind. Diese zielgerichtete Geschichtsauffassung wird als Teleologie bezeichnet. Das Prinzip von den Gegensätzen als treibende Kraft der Geschichte, die sich in etwas Höherem (Synthese) auflösen, wurde Hegels Dialektik entliehen.
https://doener235.wordpress.com/2008/06/28/maxismus-in-10-minuten/

Schopenhauer: „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (Abriss)

 von Rainer

 Schopenhauer

1. Das menschliche Dasein ist Wille
-> dem Wesen nach blinder Wille. -> nicht Vernunft
[Griechen: Mensch ist Vernunftwesen!]
-> Intellekt ist Licht des Willens
-> „Ich“ ist gebrochen in Intellekt und Willen

2. Der Mensch ist Natur
-> also ist es auch der „Wille“ (animalisch)
-> alles in der Natur ist „Wille“

3. Das Willentlich ist „Leiden“
-> ursprünglicher Zustand des Menschen ist „Mangel“
-> Mangel beseitigen (Leiden aufheben; Befriedigung
ist negatives Leiden)
-> Ich will mehr…!

[Platon: die Idee des GUTEN]

4. Das leidensbestimmte Dasein wird ethisch verneint od. bejaht
a) -> bejaht das Dasein sich selbst. -> wird das Leiden bejaht
-> Vereinzelung – Viele -> es gibt nur einen Willen
-> EGOISMUS (sein Wohlbefinden ist das Ziel)
-> er erfindet nicht die „unendlichen“ Mittel
b) -> partielle Verneinung (MITLEID!)
-> Egoismus zurückstellen
-> postmoderne Ethik
c) -> totale Verneinung -> an pessimistischen Religionen
(Christen, Buddisten, Hindus…)
-> Heiligenprinzip
-> Verneinung des Daseins (Nihilismus)
-> „Glauben“
-> sein Heil ist das „Nichts“
(besser Nichts als sein!)

5. Das GUTE ( klassisch vermittelt durch Erkenntnis)
-> das Nichts des „Heiligen“ ist das Höchste

„Ungedacht“ (Heidegger) – [Woher das Gute?]

Kierkegaard / Phil.Brocken 01

von Rainer

  • 1. ​Schuld ​bzw. ​Sünde

​ ​ ​ ​Gott ​schuf ​den ​Menschen ​mit ​der ​Fähigkeit ​des ​Verstehens ​und ​
   der ​Bedingung ​für ​das ​Verstehen ​(z.B. ​Sprache ​(gleiche)).
​ ​ ​ ​-> ​der ​Mensch ​aber ​wandte ​sich ​ab ​von ​der ​potenziellen ​Fähigkeit ​ die ​

   Wahrheit ​erkennen ​zu ​können; ​er ​wurde ​zur ​“Unwahrheit“.
​ ​ ​ ​(Im ​AT ​ist ​die ​Sünde ​(Erbsünde) ​das ​Essen ​vom ​“Baum ​der ​Erkenntnis“)

​ ​    ​Schuld ​bei ​Kierkegaard: ​Hinwendung ​zur ​Unwahrheit ​
                                     (Verschleuderung ​der ​​Gottesgabe)
​ ​  ​​Schuld ​im ​AT. ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​     ​:  ​Erkenntnis ​der ​Wirklichkeit, ​der ​Suche ​nach ​
                                     der ​Wahrheit

  • 2.  ​Da ​der ​Mensch ​(s. ​1.) ​sich ​von ​Gott ​abwendet, ​wird ​er ​schuldig ​
    (Gott ​und ​die ​Wahrheit ​sind ​synonym).
  • 3. ​Gott ​ist ​ein ​produktiver ​Gott, ​der ​aus ​selbstloser ​Liebe ​den ​Lernenden ​
        zur Wiedergeburt, ​die ​Rückführung ​aus ​dem ​“Nichtsein“ ​(Unwahrheit) ​

        in ​das ​“Sein“ (Wahrheit) ​führt
    ​ ​ ​  ​-> ​Erkenntnis ​“Ich ​bin ​Mensch ​und ​strebe ​aus ​der ​Unwahrheit ​zur ​Wahrheit ​(Erkennen)

​ ​ ​  ​Dies ​findet ​nicht ​ständig ​(abrufbar) ​statt, ​es ​ist ​eine ​Singularität ​ ​->.
    ​der ​“Augenblick“
​ ​ ​ ​ („Fülle ​der ​Zeit“) ​in ​der ​die ​“Ewigkeit“ ​real ​wird ​[Unterschied ​zu ​Sokrates!].

  • 4. ​Ich ​meine ​die ​Tugenden:

​ ​ ​ ​Maß, ​Klugheit, ​Tapferkeit, ​Gerechtigkeit ​ ​ ​ ​ ​als weltliche ​Tugenden
​ ​ ​ ​und

​ ​ ​ ​Hoffnung, ​Glaube, ​Liebe. ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​ ​als theologische ​Tugenden
​ ​ ​ ​können ​gelehrt ​bzw. ​pädagogisch ​den ​Lernenden ​nahe ​gebracht ​werden.

Heideggers Antisemitismus und sein Einfluss auf andere Denker

von Andrea

Heideggers Antisemitismus und der Einfluss seines Denkens
Das Verhältnis Heideggers zum Nationalsozialismus wird bereits seit Kriegsende diskutiert. Dabei ist unstreitig, dass sich Heidegger im Jahr 1933 im nationalsozialistischen Deutschland engagierte und der „Nationale Revolution“ genannten Bewegung nahe stand. Als Rektor der Universität Freiburg hielt er politische Reden, in denen er Adolf Hitler huldigte. Die interessante Frage in der Heidegger-Forschung ist nun, ob und inwiefern Heideggers Philosophie als solche mit diesem politischen Engagement und der NS-Ideologie zusammenhing.

Heidegger ist einer der berühmteste und einflussreichsten deutschen Philosophen dieses Jahrhunderts. Er hat insbesondere die französischen Denker beeinflußt. Die neuere französische Philosophie wäre ohne Heidegger nicht vorstellbar. Der Existenzialismus von Jean-Paul und das gesamte postmoderne Denken stehen unter dem Einfluss Heideggers. Michel Foucault und Jacques Derrida knüpfen wesentlich an Heideggers an.

Sicherlich war dies der Grund, dass Heideggers politische Verstrickungen besonders lebhaft in der französischen Öffentlichkeit diskutiert wurden. Als Ende der 80ger Jahre das Buch „Heidegger und der Nationalsozialismus“ von Victor Farias “ erschien, wurde es nicht nur in der Fachliteratur, sondern in allen namhaften französischen Medien besprochen. So schrieb „Le Monde“ dieses Buch sei eingeschlagen wie eine „Bombe“ und „Heil Heidegger!“ lautete die übergroße Schlagzeile in „Liberation“.

Mit der Veröffentlichung von Heideggers Denktagebüchern, den „Schwarzen Heften“ * von März 2014 bis März 2015 bestimmt nun vor allem auch wieder die Frage nach der Rolle des Antisemitismus in Heideggers Denken die öffentliche Diskussion. Die Aufzeichnungen lassen keinen Zweifel an Heideggers antisemitischer Auffassung.
Einige Stimmen von Philosophen zu Heideggers Äußerungen in den „Schwarzen Heften“ zitiert nach http://www.deutschlandfunk.de/heideggers-schwarze-hefte-enttaeuschung-und-entsetzen-ueber.1148.de.html?dram:article_id=3187 zeigen dies beispielhaft:
„Geradezu hämische Bemerkungen: Wenn er etwa sagt, die Juden leben immer schon nach dem Rasseprinzip und jetzt wird das Rasseprinzip auch auf sie angewendet. Und dann lamentieren sie. – Ich meine, was soll eine solche Bemerkung (…) die auch die Dignität des Philosophen Martin Heidegger massiv in Zweifel zieht.“ Marion Heinz, Philosophin, Universität Siegen.
„Es geht nicht nur um die expliziten antisemitischen Stellen. (…) Man hat eine ganze untergründige antisemitische Semantik, wenn die Rede ist zum Beispiel von jenen eitlen Wechslern oder der händlerischen Rechenhaftigkeit.“ Sidonie Kellerer, Heidegger-Forscherin, Universität Siegen.

Günter Figal als Vorsitzender der Martin-Heidegger-Gesellschaft ist nach Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ zurückgetreten. Die Freiburger Universität will den Martin-Heidegger-Lehrstuhl in eine Juniorprofessur für sprachanalytische Philosophie umwidmen. Und die Gemeinde Messkirch, Heideggers Geburtsort, diskutiert, ob sie ihrem berühmtesten Sohn die Ehrenbürgerschaft aberkennen müsse.

In der Diskussion spielt Donatella Di Cesares die Buch „Heidegger, die Juden, die Shoah“ eine zentrale Rolle. Di Cesare weist einen grundlegenden Judenhass der heideggerschen Philosophie nach. Sie sieht Heidegger in einer Tradition des Antisemitismus in der Philosophie gemeinsam mit anderen Philosophen wie Kant, Hegel und Nietzsche.
Sie spricht von einem „metaphysischen Antisemitismus“ und zitiert folgende Sätze aus den „Schwarzen Heften“: „Die Frage nach der Rolle des Weltjudentums ist keine rassische, sondern die metaphysische Frage nach der Art der Menschentümlichkeit, die schlechthin ungebunden die Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein als „weltgeschichtliche“ Aufgabe übernehmen kann.“

Für Heidegger gebe es laut di Cesare eine Verbindung zwischen Judentum und Metaphysik. Die Juden seien für ihn die wurzellosen Agenten der Modernität. Die Technik sei für Heidegger die letzte Fassung der Metaphysik. So wie nach Heidegger eine Komplizenschaft zwischen Metaphysik und Judentum bestehe, so stelle er auch eine Komplizenschaft zwischen Judentum und Technik fest.

Aber Heidegger falle bei diesen Betrachtungen selber wieder in die Metaphysik zurück. So spreche er nicht von den konkreten Juden in ihren Differenzen, er sei auch nicht an der Geschichte des jüdischen Volkes interessiert, er frage sich vielmehr: Was ist der Jude? Was ist das Wesen des Juden?

Trotz ihrer Analyse des Heideggerschen Antisemitismus und obwohl das Buch die Frage nach der Verantwortung der Philosophie für die Vernichtung der Juden Europas stellt, bekundet die Cesare „Wir brauchen heute Heidegger mehr denn je. Wären Arendt, Jonas, Anders ohne Heidegger vorstellbar? Und die jüdische Philosophie der letzten Jahrzehnte – von Levinas bis zu Derrida? Und wir brauchen Heidegger, selbst um die Shoah zu verstehen; es genügt, an die Verbindung zu erinnern, die er zwischen Shoah und Technik gezeigt hat. Leider wird die Shoah im deutschen Kontext nicht als philosophische Frage empfunden, sondern vor allem als Frage für Historiker. Das finde ich wirklich bedauerlich.“ http://www.hoheluft-magazin.de/2015/02/heidegger-enthuellung/

Erwähnenswert erscheint mir in diesem Zusammenhang der Artikel von Micha Brumlik von der taz http://www.taz.de/!5267346/ , in welchem dieser darlegt, dass in dem von Gianni Vattimo und Michael Marder edierten Band „Deconstructing Zionism. A Critique of Political Metaphysics“ von 2014, in welchem es um die Dekonstruktion des Zionismus geht, sich der Antizionismus auf Heidegger beruft.

Die vertretenen Autoren wie Slavoj Žižek, Judith Butler und Marc Ellis, entfalteten in dem Band ihr nichtzionistisches Verständnis des Judentums. Beinahe alle AutorInnen beriefen sich dabei nicht nur auf Jacques Derrida, sondern auch auf Martin Heidegger.

Dem Zionismus werde der Vorwurf gemacht, ein „metaphysisches“ Verständnis des Judentums zu vertreten. Unter „Metaphysik“ werde dabei das Postulieren von dem geschichtlichen Wandel entzogenen, klar bestimmbaren Wesenheiten verstanden: hier einem je schon mit dem Land Israel verbundenen jüdischen Volk. (ebenda)

Santiago Zabala, Begründer eines „hermeneutischen Kommunismus“, behaupte, so Brumlik, dass Heidegger zwar ein Rassist, vor allem aber ein Denker gewesen sei, der die Mittel bereitstelle, die ontologischen Züge des politischen Zionismus zu kritisieren.Tatsächlich versteige sich der Philosoph zu der Behauptung, dass der politische Zionismus seit 1948 nicht nur kontinuierlich palästinensisches Land enteignet habe, sondern damit auch das Sein selbst entlassen habe. Danach wäre also das palästinensische Land jenes „Sein“ ist, das vor zionistischen Machenschaften geschützt werden müsse. (ebenda) Das ist eben der Vorwurf, den Heidegger dem Judentum gemacht hat.

Den Herausgebern des Bandes sei daher das vorzuwerfen, was Hannah Arendt – ebenfalls von Heidegger geprägt – Eichmann vorhielt und was im Kreise von Heideggerianern als schärfste Kritik gilt: Gedankenlosigkeit! (ebenda).

Zurück bleibe ich mit den Frage „brauchen wir heute Heidegger wirklich mehr denn je? Oder ist es gefährlich Heidegger zu lesen?

 

 

*(„Schwarze Hefte“ ist die Bezeichnung der Denktagebücher des Philosophen Martin Heidegger, die er in den Jahren von 1931 bis 1975 mit postumer Publikationsabsicht führte und in geplanten neun Bänden (fast 1300 Seiten) die Gesamtausgabe abschließen sollen. Der Name stammt von der schwarzen Farbe des Einbandes. Heidegger selbst hat diesen Heften „Überlegungen“ und „Anmerkungen“ betitelt. Es handele sich also um Kommentare am Rande des Textes und nicht um ein philosophisches Hauptwerk. Mit kleinen Skizzen versucht Heidegger, eine große Erzählung von Aufgang und Untergang und erneutem Aufgang des „Seyns“ und des „Menschentums“ zu konturieren, die zugleich sichtbar zu machen prätendiert, „was jetzt geschieht“.Der dritte, zur Frage nach Heideggers Verhältnis zum Antisemitismus von Fachphilosophen und im Feuilleton der Zeitungen in der Folge besonders rezipierte Band der „Schwarzen Hefte“ (1939–1941) erschien im März 2014; der erste (1931–1938) und zweite Band (1938/39) wurden zeitnah im Februar und März 2014 veröffentlicht. Ein vierter Band (1942–1948) erschien im März 2015. https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarze_Hefte )

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„Sofies Welt“

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Begeistert habe ich das Buch von Jostein Gaarder, Sofies Welt gelesen und später noch einmal als Hörbuch konzentriert gehört.
Um eine Übersicht über den Inhalt zu bekommen habe ich eine Zusammenfassung erstellt.
Diese wurde später um zwei weitere Philosophen ergänzt.

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